BARONESS – Purple

VÖ 17.12.2015

Gleich vorweg: Baroness triumphales, neues Album enthält einige der größten und glorreichsten Riffs und Refrains, die diese musikalisch stets abenteuerlustige Band jemals aufgenommen hat. Zugleich reflektiert der Albumtitel, Purple, allerdings auch einen schweren Schicksalsschlag in der jüngsten Vergangenheit der Band: das entsetzliche Bus-Unglück, das man während der Tour im Jahre 2012 – glücklicherweise – überlebt hat. „Die Band hatte einen ziemlich dicken Bluterguss davongetragen “, blickt Sänger und Gitarrist John Baizley auf den Unfall zurück, „die Folgen dieser Verletzung haben uns eine ganze Weile daran gehindert, normal weiter zu funktionieren. Das neue Album ist hoffentlich genau das Sprungbrett, welches uns hilft, das alles endgültig hinter uns zu lassen.“
Besagtes Album, das am 18. Dezember erscheint und von Dave Fridmann (The Flaming Lips, Sleater-Kinney) produziert wurde, deckt definitiv die gesamte emotionale Bandbreite an Erfahrungen ab, die Baroness zuletzt durchlebt haben. Genauso ist es ihr Siegesschrei. In veränderter Besetzung – die Neuzugänge Nick Jost (Bass, Keyboards) und Sebastian Thomson (Schlagzeug) gesellen sich zu Baizley und Pete Adams (Gitarre, Gesang) – präsentiert die Band auf Purple 10 verschachtelte, vielschichtige Nummern, welche die Sorgen direkt nach dem Unfall (‘If I Have to Wake Up (Would You Stop the Rain)’), die Schwierigkeiten der Genesung (‘Chlorine & Wine’) oder einfach ihren schieren Überlebenswillen (‘The Iron Bell’) thematisieren. Vom eröffnenden Bulldozer-Brecher ‘Morningstar’ bis zum 17-minütigen Avantgarde-Finale ‘Crossroads of Infinity’ ist Purple das bislang emotionalste und musikalisch komplexeste Werk der Band, die darauf ihren Classic-Rock-Wurzeln und ihrer donnernden Metal-Vergangenheit gleichsam Tribut zollt.
„Wir wollten kein mürbes, trauriges oder düsteres Werk abliefern“, so Adam, „Es sollte Schmiss und Tempo haben. Genauso Melodien und Aggression. Ich denke, das Endergebnis zeigt alle Gefühlsstadien auf, die wir durchlaufen haben: von ohnmächtiger Wut bis zum ungebändigten Willen weiter zu machen und wieder nach vorn zu preschen.“
Ihren Ursprung hat die 2003 gegründete Band in der lokalen Sludge-Szene von Savannah, Georgia. Dort machten sich Baroness, die von Anfang an dem DIY-Punk-Ethos folgten, indem sie ihre Konzerte selbst buchten sowie die Band-Shirts im Siebdruckverfahren eigenhändig herstellten, schon bald einen Namen. 2007 veröffentlichen Baroness schließlich ihr hochgelobtes Debüt, das Red Album, ein sumpfiger Sludge-Riff-Koloss, der vom Metal-Magazin Revolver gleich zum Album des Jahres gekürt wurde. Zwei Jahre darauf wurde der noch härtere Nachfolger, Blue Record, vom Extetem-Metal-Magazin Decibel zur Platte des Jahres gewählt. Auf ihrer letzten Veröffentlichung, dem 2012er Doppelalbum Yellow & Green, öffneten sich Baroness dann noch weiter, wurden etwas leichtfüßiger und entdeckten eingängigen Gesang und Alternative-Rock-Arrangements für sich. Das Resultat: Der erste Einstieg in die US-Top 30 und die Auszeichnung „Metal Album des Jahres“ vom Spin-Magazin. Bedauerlicherweise konnte die Gruppe die Früchte des Erfolges von Yellow & Green nicht vollständig auskosten.
Im August 2012, weniger als einen Monat nach der Veröffentlichung von Yellow & Green, geschah das große Unglück. Baroness befanden sich gerade auf Tour in England, als ihr Bus in der Nähe von Bath durch eine Leitplanke raste und neun Meter in die Tiefe stürzte. Es mutet wie ein Wunder an, dass keiner der neun Passagiere bei diesem Unfall ums Leben kam. Baizley brach sich den linken Arm und das linke Bein; die damalige Rhythmussektion, Bassist Matt Aggioni und Schlagzeuger Allen Blickle, hatten beide Frakturen an der Wirbelsäure zu verzeichnen.
„Ich lag in meiner Koje als die Bremsen ausfielen. Als wir immer weiter Fahrt aufnahmen, war mir sofort klar klar, dass es krachen wird“, erinnert sich Adams, seines Zeichens Kriegsveteran und Träger des Purple Heart, der Katastrophen-Szenarien wie das Bus-Unglück bereits aus dem Irak-Krieg nur zu gut kennt. „Ich war weder angespannt, noch habe ich mich in eine Sicherheitsposition begeben. Ich hab mich einfach nur in meiner Koje umgedreht und mir selbst ein paar beruhigende Worte zugeflüstert. Nach dem Motto: ‚Sollte es das gewesen sein, macht bitte, dass alles schnell geht.’ Das Nächste woran ich mich erinnere war, dass plötzlich alles vorbei war. Auf einmal stehe ich da und hab mir nicht mal was gebrochen. Ich hatte Verbrennungen und Schnittwunden, blutete und war wie benommen – aber ansonsten okay. Daraufhin hab ich mich zusammengerissen und angefangen, den anderen herauszuhelfen. Ich dachte damals, dass die Band mit ziemlicher Sicherheit Geschichte wäre.“
Baizley verbrachte zweieinhalb Wochen bewegungsunfähig im Krankenhaus und brauchte anschließend Monate, um sich von seinen Verletzungen zu erholen. Als es soweit war, beschlossen Adams und er mit der Band weiter zu machen: „Ich hab mich mit James Hetfield unterhalten, der auch mit den Folgen eines Busunfall-Traumas zu kämpfen hatte, und der hat mir folgendes gesagt: ‚Das Leben wird eine Zeitlang ziemlich anstrengend für dich, aber letztendlich wird alles gut werden. Du kriegst das schon hin!’ Nachdem ich erst mal mit der Physiotherapie angefangen und auch wieder Gitarre gespielt hatte, dachte ich genau das. Ich packe es. Es ist doch noch nicht alles vorbei.“
Rückblickend betrachtet, behielt Hetfield recht. Baroness hatten das Schlimmste hinter sich.
„Auch wenn das ganze Unfallgeschehen sicherlich von Interesse ist, haben wir die Geschichte in den letzten Jahren doch immer und immer wieder sehr detailgenau durchgekaut“, erklärt Baizley. „Das neue Album nimmt sich des Unglücks nicht nur an, sondern es setzt zugleich auch einen Schlusspunkt dahinter. Baroness gab es vor dem Unfall und wird es nun auch danach weiter geben. Wir sprechen lieber über das, was wir mit Purple kreiert haben, als dass wir uns allein auf jene eine Episode reduzieren und diese die Band definieren lassen wollen.“
Wieder genesen, machte sich Baizley zunächst daran, die richtige Rhythmussektion zu finden, nachdem Maggioni und Blickle sich in Freundschaft von der Band getrennt hatten. Um die passenden Kandidaten zu finden, holte sich Baizley abermals Rat bei prominenten Freunden. Mastodons Brann Dailor brachte schließlich den Namen des Trans Am-Mitglieds Sebastian Thomson als potentiellen neuen Trommler ins Spiel. „Wir haben gar nicht erst jemand anderen vorspielen lassen“, so Baizley. Eine Freundin schlug unterdessen vor, einen Bassisten auszuprobieren, den sie als den Besten, den sie je gehört hatte, beschrieb. Dieser entpuppte sich als Nick Jost, der sowohl Bass wie Kontrabass beherrscht und zudem ein begnadeter Pianist und diplomierter Jazz-Komponist ist.
Mit neuer Besetzung begab sich die Band im Frühling 2013 auf eine ausgiebige Tour, die Baizley als „die Dankeschön-Tour“ bezeichnet und mit der Baroness sich bei den Fans erkenntlich zeigen wollten, die ihnen in ihren schwersten Stunden die Treue gehalten hatten. Abgesehen von einer Handvoll Shows in Australien, verbrachten Baroness den Rest des Jahres 2014 damit, sich auf das nächste Kapitel ihrer Karriere vorzubereiten. Das Bandeigene Indie-Plattenlabel, Abraxan Hymns, wurde ins Leben gerufen und erste Songs für Purple geschrieben.
„Ich wollte unserer Misere mit Kreativität begegnen“, sagt Baizley über das neue Album. „Die Texte der Platte behandeln die verschiedenen Pfade, die zu dem Unfall führten. Das lyrische Spektrum reicht dabei von sehr direkten Geschichten über schwierige Zeiten bis hin zum Ausdruck der Liebe, die ich für die Leuten empfinde, die für mich da waren.“
Als man bereit für das Studio war, fiel die Wahl des Produzenten auf jemanden, mit dem Baizley schon immer zusammen arbeiten wollte: Dave Fridmann. „Er stand von Anfang an ganz oben auf meiner Liste“, erklärt der Sänger, „Ich hätte aber nie gedacht, dass er auch mit uns arbeiten will. Ich verehre all die Platten, die er gemacht hat abgöttisch.“ Mit seinen 25 Jahren Produktionserfahrung, zu der die Arbeit an Wayne Coynes ausgefallen-verzwickten Klangreisen mit dessen Flaming Lips genauso zählen, wie Fridmanns Fähigkeit, aus introvertierten Bands wie Low oder Spoon das Beste herauszuholen, hat der Produzent es zusammen mit der Band geschafft, auf Purple einen einzigartigen Sound zu kreieren: Akustische Gitarren und Keyboards, die wie nicht von dieser Welt klingen sowie himmelhoher Hall sind nur einige der Kennzeichen dieses Sounds. Darüber hinaus half Fridmann Baroness, über sich selbst hinauszuwachsen.
„Wir sind eine sehr analytische Band“, so Adams, „Wir schreiben etwas und überanalysieren es bis zu dem Punkt, an dem wir das Gefühl haben, dass wir den Song soweit zurechtgestutzt und so kompakt haben, wie es geht. Fridmann hingegen hat uns Ideen an die Hand gegeben, auf die wir vorher nie gekommen wären. Diese außenstehende Perspektive, dieses paar externe Ohren, hatten wir nötig.“
Purple ist somit der Ausdruck von Baizleys und Adams Drang, weiter zu machen und zugleich die Willkommensfeier für Jost und Thomson. „Sie beide sind sehr talentierte Musiker“, lobt Adams, „Sie sind offen für neue Ideen und man kann sich vollkommen auf sie verlassen.“ Und Baizley fügt hinzu: „Die Einstellung der beiden war vor allem, dafür zu sorgen, dass die Platte richtig drückt und einem Feuer unterm Hintern macht. Das war genau die Attitüde, die ich brauchte. Immer wenn wir nicht spielten, fiel ich mental in ein Loch. Aber als ich bemerkte, wie enthusiastisch Pete, Nick und Sebastian sind – und ich hatte dieses Gefühl von kollektivem Enthusiasmus so schon lange nicht mehr gespürt – wirkte das ansteckend. Mir wurde klar, dass wir das hinkriegen werden.“
„Der gesamte Entstehungsprozess lief ziemlich reibungslos und entspannt“, kommentiert Thomson, „Das einzige, was etwas mehr Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, war zu lernen, wie man zusammen Songs schreibt. Das hat einen oder zwei Monate gedauert. Aber sobald es ins Rollen gekommen war, hatten wir einen echten Lauf.“
„Einmal hab ich mich am Ende des Songs ‘If I Have to Wake Up’ verhauen und einen falschen Akkord gespielt“, rekapituliert Jost, „Aber genau dieser Verspieler war die Vorlage, aus der dann ‘Fugue’ entstanden ist. Das zeigt, wie wir uns zusammen weiterentwickelt haben. Und ‘If I Have to Wake Up’ zeigt in diesem Zusammenhang auch, wie weit wir dabei gekommen sind.“ Thomson ergänzt: „Wir befanden uns in der Situation, die Band mit einer halbneuen Besetzung und fast komplett neuer Crew wieder aufzubauen. Auf dem Papier klingt das wie die perfekte Rezeptur für ein Desaster. Aber bei uns hat es ziemlich schnell Klick gemacht. Und das ist bis heute so.“
Zuletzt hatte Adams noch festgehalten, dass erst seitdem man wieder auf Tour sei, sich Baroness wieder wie eine Band anfühle. Mit Purple in der Hinterhand ist diese Band nun bereit, es erneut mit der Welt aufzunehmen. „Es gibt jetzt wieder viel mehr Spielfreude bei uns“, so Adams, „Jeder ist guter Dinge und es hängt keine schwere Wolke mehr über uns. Noch nie wurde bei Baroness soviel gelacht und gelächelt. Und das ist nicht gekünstelt. Dafür bin ich dankbar.“
Die Wunden sind geleckt. Und der Bluterguss beginnt zu heilen.

Nothing But Trouble

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Client

Golden Robot Records /Soulfood Music

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